Der Kamelhirtenstock und seine angebliche Verbindung zum Juego del Palo: Kritische Analyse einer Theorie
Eine der meistdiskutierten Theorien in der kanarischen Traditionsforschung ist die Behauptung, das Juego del Palo habe seinen Ursprung in der Tätigkeit der Kamelhirten, die angeblich durch den Umgang mit dem Stock beim Führen der Kamele Techniken entwickelten, aus denen sich später ein Spiel zwischen Menschen entwickelte. José Víctor Morales Magyín analysiert diese Hypothese in seiner Studie von 1996 detailliert und kommt zu dem Schluss, dass sie mangels ausreichender Dokumentation nicht haltbar ist[1].
Analyse der Kamelhirten-Theorie
Nach Morales Magyín stützt sich die Theorie vom Kamelhirtenursprung hauptsächlich auf das Werk von Jorge Domínguez Naranjo, der argumentiert, das Spiel sei aus den Fertigkeiten der Kamelhirten beim Umgang mit dem Stock entstanden[1]. Morales weist jedoch auf mehrere methodische Schwächen hin, darunter den Mangel an historischen Quellen, selektive Nutzung von Zeugnissen und fehlende Gegenüberstellung mit anderen Belegen[1].
So kritisiert Morales, dass Domínguez Naranjo Hinweise auf Lanzen, Piken und Knüppel in alten Chroniken wörtlich nimmt, ohne zu prüfen, ob es sich tatsächlich um dieselben Gegenstände handelt oder ob deren Verwendung mit dem Kamelhirtenstock oder dem Juego del Palo vergleichbar ist[1]. Außerdem hebt Morales hervor, dass ikonografische Quellen inkonsequent interpretiert werden: Während jede Darstellung eines Ureinwohners mit einem Stock als Beweis akzeptiert wird, wird bei anderen Stockarten mehr Strenge gefordert[1].
Belege zur Nutzung des Kamelhirtenstocks
Morales Magyíns Studie sammelt ethnografische Zeugnisse und historische Quellen über die Arbeit der Kamelhirten auf den Kanaren. Diese Quellen sind sich einig, dass der Kamelhirte einen kurzen Stock oder ‘macana’ von etwa 40 bis 60 Zentimetern Länge benutzte, um das Tier zu lenken und zu kontrollieren. Es gibt jedoch keinen Hinweis darauf, dass dieses Werkzeug zu einem Spiel oder Fechten zwischen Menschen führte[1]. Zudem machte die Sanftmütigkeit des Kamels, wie von Reisenden und Ethnographen wie Viera y Clavijo und René Verneau beschrieben, den gewohnheitsmäßigen Einsatz von Gewalt oder komplexen Stocktechniken überflüssig[1].
Morales zitiert auch zeitgenössische Kamelhirten, die bestätigen, dass das Schlagen des Kamels nicht ratsam ist und die macana oft am Handgelenk befestigt wird, was den Einsatz in einem beidhändigen Fechten – wie beim Juego del Palo üblich – unmöglich macht[1].
Fehlende dokumentierte Verbindung zwischen Kamelhirten und Juego del Palo
Laut Morales Magyín gibt es keine schriftlichen oder mündlichen Hinweise, die die Praxis des Juego del Palo direkt mit der Welt der Kamelhirten verbinden[1]. Auch ethnografische Quellen und Aussagen von Meistern des Spiels, wie José Morales, erwähnen den Kamelhirtenstock nicht als Ursprung und beziehen sich nicht auf Fuerteventura, die traditionell mit dem Kamel assoziierte Insel[1].
Fazit der Analyse
Morales Magyín kommt zu dem Schluss, dass aufgrund fehlender historischer Daten, der Sanftmütigkeit des Tieres, der Unterschiede in den verwendeten Werkzeugen und dem Fehlen von Kamelhirten-Spielern die Theorie vom Kamelhirtenursprung des Juego del Palo im aktuellen Forschungsstand als unbeweisbar und somit ungültig gilt[1].
