Während der Eroberung der Kanarischen Inseln spielte die Kirche eine zentrale Rolle bei der Legitimation und Organisation des Eingliederungsprozesses des Archipels in den europäischen Machtbereich. Die Diözese Canariensis und Rubiconensis war das erste bedeutende Bistum im Atlantik und ein Vorläufer für die späteren amerikanischen Modelle[1]. Die erste wichtige päpstliche Schenkung erfolgte 1344 durch Clemens VI. an Luis de la Cerda, dem der Titel „Prinz des Glücks“ verliehen wurde. Dieser Akt hatte einen klaren politischen Hintergrund, da der Papst, geschwächt durch das Schisma, seine Macht durch die Schaffung eines Lehens des Heiligen Stuhls auf den Inseln demonstrieren wollte[1].
Das Engagement der Kirche beschränkte sich nicht nur auf die Evangelisierung, sondern diente auch als ideologischer Schutzschild zur Rechtfertigung der expansionistischen Interessen der europäischen Mächte. Laut Peter Russel sah die päpstliche Doktrin nur die christliche Gesellschaft als legitim an, und der Papst beanspruchte das Recht, über die Gebiete heidnischer Fürsten und Völker zu verfügen, die sich nicht bekehren wollten[1]. Gleichzeitig existierte jedoch auch die Vorstellung einer legitimen menschlichen Gesellschaft, die alle Menschen, Christen wie Nichtchristen, einschloss und über die der Papst keine Macht hatte[1].
Der Eroberungs- und Kolonisierungsprozess der Kanarischen Inseln diente als Labor für die Transformation des europäischen Feudalrechts in internationales Recht. Antonio Pérez Voituriez hebt hervor, dass sich vom frühen Lehenseid bis zu den Verträgen von Alcaçovas und Tordesillas ein Wandel vom europäischen öffentlichen Recht zum internationalen Recht vollzog, das sich auf Afrika und Amerika ausdehnte[1]. Alonso de Cartagena, ein Verteidiger der kastilischen Interessen, legte die Grundlagen des klassischen internationalen Rechts für die afrikanische Kolonisation, indem er das Besetzungsrecht von der päpstlichen Schenkung trennte und zwischen Evangelisierung und Eroberungsrechten unterschied[1].
Die Verträge von Alcaçovas (1479) und Tordesillas (1494) festigten die strategische Position der Kanarischen Inseln im Atlantik. Der erste Vertrag setzte die Inseln an die Grenze zwischen kastilischen und portugiesischen Interessen, während der zweite sie zu einer Plattform für Kommunikation und Handel mit der Neuen Welt machte[1].
Die Ankunft von Missionaren, Händlern und Sklavenhändlern auf den Kanarischen Inseln löste Debatten über die Rechtmäßigkeit der Versklavung der indigenen Bevölkerung aus. Kirche und Krone verteidigten die Freiheit der Kanarier und betrachteten sie als „Heiden auf dem Weg zur Christianisierung“[1]. Diese Debatte nahm die Diskussionen vorweg, die ein Jahrhundert später auf der Iberischen Halbinsel über die Rechte der Krone in den Kolonien geführt wurden.
Zusammenfassend war die Eroberung der Kanarischen Inseln nicht nur ein militärisches und wirtschaftliches Unterfangen, sondern auch ein Prozess, der maßgeblich von der Kirche und der Entwicklung des internationalen Rechts beeinflusst wurde und so die Integration in die europäische Atlantikexpansion bestimmte[1].
