Warum der kanarische Regionalismus entstand: von der Krise von 1898 bis zur Umfrage von 1906 - Geschichte
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Geschichte
RegionalismusAutonomieKanarische Inseln20. JahrhundertEl ProgresoInselstreit

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war der kanarische Regionalismus weder eine einheitliche Lehre noch eine homogene Bewegung. Unter diesem Begriff fanden sich föderale Republikaner, Autonomisten, Vertreter der Inselbourgeoisien und Kreise aus der Arbeiterbewegung zusammen. Sie kritisierten die Zentralisierung und wollten, dass die Kanaren ihre eigenen Angelegenheiten wirksamer verwalteten, waren sich jedoch über die politische Reichweite dieses Ziels uneinig[1].

Die Kolonialkrise von 1898 verlieh der Debatte neue Dringlichkeit. Die atlantische Lage des Archipels gewann strategisch an Bedeutung, während die Presse die Vernachlässigung durch den spanischen Staat und den britischen wirtschaftlichen Einfluss diskutierte. Kampagnen zur Verteidigung der spanischen Zugehörigkeit der Kanaren bestanden deshalb neben Forderungen nach Dezentralisierung. Für manche Zeitgenossen konnte Autonomie die Bindung an Spanien stärken, statt zwangsläufig zur Trennung zu führen[1].

Auch die Wirtschaft erzeugte Unzufriedenheit. Das Freihafenregime hatte die Handelsexpansion und die Einbindung der Inseln in den Atlantikhandel gefördert, doch profitierten davon besonders die Handelsbourgeoisien Gran Canarias und Teneriffas. Die Liberalisierung der Getreide- und Mehleinfuhren ab 1900 verschärfte zudem die Schwierigkeiten bäuerlicher Wirtschaften, die mit ausländischen Angeboten nicht konkurrieren konnten. Die Forderung nach wirtschaftlicher Autonomie entstand somit aus einer konkreten Auseinandersetzung über Steuern, Handel, Landwirtschaft und Abhängigkeit[2].

Der sogenannte pleito insular, der Inselstreit, fügte eine politische Dimension hinzu. Die Eliten Gran Canarias und Teneriffas konkurrierten um administrative und wirtschaftliche Kontrolle, während Lanzarote, Fuerteventura, La Gomera und El Hierro keine eigenen Wahlkreise besaßen. Auf den peripheren Inseln bezeichnete Autonomie sowohl den Widerstand gegen die Vorherrschaft der beiden Zentralinseln als auch die Forderung nach direkter Vertretung. Das 1910 eingereichte Plebiszit der kleineren Inseln sollte diese Anliegen später in ein ausdrückliches Programm überführen[2].

Regionalismus verband sich außerdem mit dem Widerstand gegen den Klientelismus und mit der Neuorganisation der Arbeiterbewegung. 1900 wurde in Santa Cruz de Tenerife die Arbeitervereinigung der Kanaren gegründet; ihre Zeitung El Obrero verbreitete autonomistische Ideen. Die 1901 entstandene Autonomistische Volkspartei verknüpfte die politische Beteiligung der Arbeiterschaft mit der Kritik an Wahlbetrug und den Parteien der Restaurationszeit. Nach ihrer Wahlniederlage verlegten einige Mitglieder die Kampagne in die Zeitung ¡Vacaguaré![3].

Diese Strömungen vertraten nicht immer dasselbe. Autonomie konnte wirtschaftliche und administrative Dezentralisierung, größere Entscheidungsmacht für Inselinstitutionen oder, in den weitreichendsten Entwürfen, eigene gesetzgebende und ausführende Organe bedeuten. Neben der Furcht, Autonomie könne zur Unabhängigkeit führen, stand das gegenteilige Argument: Ein weitreichendes Selbstbestimmungsrecht würde Unzufriedenheit mindern und den Archipel vor äußeren Interessen schützen[3].

Vor diesem Hintergrund hielt der Journalist Leoncio Rodríguez im Juli 1906 im Ateneo de La Laguna den Vortrag El Regionalismo Canario. Bosquejo histórico-social. Er stellte den Regionalismus als Antwort auf bürokratische Zentralisierung, klientelistische Herrschaft und die Schwäche des öffentlichen Lebens dar. In El Progreso erschien die Sache als mit unterschiedlichen Ideologien vereinbar und zunächst auf administrative und wirtschaftliche Autonomie ausgerichtet[1].

Die Zeitung organisierte daraufhin eine Umfrage unter Persönlichkeiten aus Politik und Kultur. Ihre Antworten erschienen zwischen dem 23. Juli und dem 8. September 1906. Achtundzwanzig Personen beantworteten die zentrale Frage, was sie vom Regionalismus hielten und ob wirtschaftliche und administrative Autonomie gefordert werden sollte. Eine große Mehrheit stimmte zu, doch die unterschiedlichen Deutungen von Bedeutung und Grenzen beider Begriffe erlauben es nicht, von einem gemeinsamen Programm zu sprechen[1].

Die Umfrage schuf den kanarischen Regionalismus nicht. Sie machte eine Debatte sichtbar, die Wirtschaft, territoriale Vertretung, Presse und soziale Mobilisierung bereits erfasst hatte. Ihr dokumentarischer Wert liegt gerade darin, ein vorübergehendes Zusammenfinden unterschiedlicher Interessen zu zeigen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts bot das Wort Regionalismus eine gemeinsame Sprache für geteilte Probleme, aber noch keine einheitliche Antwort auf die Frage, wie die Kanaren regiert werden sollten.

Quellen