Wenige Nahrungsmittel sind so eng mit der Identitaet eines Volkes verbunden wie Gofio mit den Kanarischen Inseln. Dieses Mehl aus geroesteten und gemahlenen Getreidesorten begleitet die Inselbewohner von der vorhispanischen Zeit bis heute und hat Eroberungen, Hungersnote und gesellschaftliche Umwaelzungen ueberlebt, um zum kulinarischen Symbol des Archipels schlechthin zu werden.
Vorhispanische Urspruenge
Die alten Kanarier kamen mit verschiedenen Samen und Pflanzen auf die Inseln, darunter Getreide wie Weizen und Gerste, die geroestet und gemahlen wurden, um Gofio herzustellen 1. Fuer die Herstellung fertigten sie Handmuehlen an, wobei sie sorgfaeltig den geeigneten Stein aussuchten, abbauten und bearbeiteten 1. Gofio hatte in der Ernaehrung der Ureinwohner grosse Bedeutung und ergaenzte andere Nahrungsmittel wie Milch, Kaese, Fisch und Wildgemuese. Auf Gran Canaria wurde mehr Gemuese als Fleisch verzehrt, waehrend auf Teneriffa, La Palma und La Gomera die Ernaehrung ausgeglichener war 1.
Ein Nahrungsmittel, tausend Formen
Wie Oswaldo Guerra Sanchez in seinem Essay fuer die Academia Canaria de la Lengua berichtet, bietet Gofio eine aussergewoehnliche kulinarische Vielseitigkeit: “von der einfachsten Form der Pella aus Gofio, Wasser und Salz, der nach Geschmack zahlreiche Zutaten hinzugefuegt wurden (Honig, Nuesse, reife Banane, Likoer…), bis zum Gofio escaldado oder Escaldon, der die naehrstoffreichen Bruehen nutzte, ob Fisch- oder Fleischbruehe” 2. Es wurde auch mit Milch verzehrt, wobei man kleine Kugeln in der Schuessel formte, mit Ei und Zucker gemischt oder einfach zu Bananen gegessen.
Identitaet und Widerstand
Das Wort Gofio ist amazighischen Ursprungs und begleitete die kanarischen Vorfahren seit ihrer Ankunft aus Nordafrika 2. Seine Bedeutung geht ueber die Gastronomie hinaus: Wie Guerra Sanchez schreibt, “verachteten waehrend der harten Nachkriegsjahre Zugezogene sowie der eine oder andere Einheimische mit Anspruechen auf hohe Abkunft unser heiliges Gofio als Armenessen” 2. Um den Verzehr zu verbergen, nannten sie es mit abwertenden Begriffen wie “engrudo” (Kleister) oder Euphemismen wie “harina tostada” (geroestetes Mehl). Dabei rettete ihnen Gofio in jenen schrecklichen Jahren buchstaeblich das Leben 2.
Die volkstuehmliche Redewendung “kanarischer als Gofio” zeigt, in welchem Masse dieses Nahrungsmittel zum Identitaetssymbol geworden ist. In seinem Lexico de Gran Canaria definierte Pancho Guerra Gofio als das “grundlegende Nahrungsmittel des kanarischen Volkes” 2. Sein uralter Ursprung steht in direktem Zusammenhang mit seinem ausgespraegten Identitaetsgeschmack: Es ist ein Grundelement in der Gestaltung der kulturellen Architektur des Archipels, eine Bruecke zwischen der Vergangenheit der Ureinwohner und der Gegenwart der Inseln 2.