Das auf den Kanarischen Inseln gesprochene Spanisch besitzt einen reichen eigenen Wortschatz, der es von anderen Varietaeten der Sprache unterscheidet. Diese Woerter, bekannt als Kanarismen (canarismos), stellen weit mehr als einfache Regionalismen dar: Sie sind der sprachliche Ausdruck einer Identitaet, die ueber Jahrhunderte an einer Kreuzung zwischen Afrika, Europa und Amerika geschmiedet wurde.
Ein bahnbrechendes Erbe
Der erste systematische Versuch, den kanarischen Wortschatz zusammenzutragen, geht auf Juan Maffiotte La Roche zurueck, geboren 1855 in Las Palmas de Gran Canaria, der ein Manuskript mit 1.309 Eintraegen mit Woertern, Redewendungen und inselspezifischen Bedeutungen zusammenstellte 1. Dieses Glosario de canarismos, das bis 1993 unveroeffentlicht blieb, gilt wegen seines Reichtums und seiner Besonderheiten als Pionierwerk der kanarischen Lexikografie. Maffiotte erfasste nicht nur rund 1.300 Begriffe, die er als kanarische Provinzialismen betrachtete, sondern fuegte innerhalb jedes Eintrags auch “zahlreiche Bedeutungen, Redewendungen, Sprichwoerter und feste Ausdruecke” hinzu 1.
Vielfaeltige Urspruenge
Kanarismen haben multiple Urspruenge, die die komplexe Geschichte des Archipels widerspiegeln. Maffiotte dokumentiert in seinem Glossar bereits Woerter portugiesischer Herkunft wie balayo, bico, fechar, fechillo und taramela; Amazigh-Indigenismen wie baifo, ganigo, gofio und tenique; Andalusismen wie galan de noche und cigarron; sowie Amerikanismen wie papa und guagua 1. Wie die Academia Canaria de la Lengua feststellt, “steht die Sprache der Inselbewohner, unsere Art zu kommunizieren, dem Spanischen Amerikas naeher als jeder anderen sprachlichen Varietaet der Iberischen Halbinsel” 2.
Mehr als Woerter
Ueber kanarische Woerter nachzudenken bedeutet, wie Oswaldo Guerra Sanchez ueber gofio schreibt, “ueber sich selbst nachzudenken, die Vorder- und Rueckseite von etwas so Leichtem und Fluechtigem wie der eigenen Erinnerung zu zeigen” 2. Begriffe wie magua (Kummer oder Sehnsucht), alongarse (sich aus einem Balkon lehnen), gofio (geroestetes Getreidemehl) oder perenquen (Gecko) sind keine blossen dialektalen Kuriositaeten, sondern Speicher kollektiver Erfahrung, die die Kanarier mit ihrem Land und ihrer Geschichte verbinden.
Die 1999 gegruendete Academia Canaria de la Lengua hat eine wesentliche Rolle bei der Verteidigung und Erforschung dieser sprachlichen Varietaeten gespielt, ueberzeugt davon, dass “dialektale Besonderheiten dazu beitragen, das enorme sprachliche und kulturelle Erbe zu bereichern, das uns in einer einzigen Heimat vereint” 2. Ihre Arbeit umfasst sowohl die wissenschaftliche Forschung als auch die Vermittlung in den Schulen des Archipels und bringt neue Generationen einem Wortschatz naeher, der, wie der Praesident der Institution Humberto Hernandez warnte, verloren zu gehen droht, wenn er nicht aktiv gepflegt wird 2.