Wie lässt sich herausfinden, was die Menschen auf den Kanarischen Inseln oder anderswo vor Jahrhunderten oder Jahrtausenden gegessen haben? Neben der Untersuchung von Pflanzen- und Tierresten setzen Archäologen heute chemische Methoden ein, um die Ernährung vergangener Populationen direkt aus deren Knochen zu rekonstruieren. Diese sogenannte chemische Rekonstruktion der Ernährung hat unser Verständnis von Lebensweise und Anpassung im Altertum grundlegend verändert.[^publicacion-ulpgc-escaneada-145p]
Spurenelemente: Strontium und Kalzium
Eine wichtige Methode basiert auf der Analyse des Verhältnisses von Strontium (Sr) zu Kalzium (Ca) in Knochen. Pflanzen nehmen diese Elemente aus dem Boden auf, Tiere wiederum durch den Verzehr der Pflanzen. Menschen spiegeln durch ihren Konsum von Fleisch und Pflanzen die jeweiligen Anteile in ihren Knochen wider: Eine pflanzenreiche Ernährung führt zu einem höheren Sr/Ca-Verhältnis, während fleischlastige Kost dieses Verhältnis deutlich senkt. Durch den Vergleich von menschlichen und tierischen Knochen aus demselben Fundort lässt sich abschätzen, wie groß der Anteil von Fleisch und Pflanzen in der Ernährung war.[^publicacion-ulpgc-escaneada-145p]
Allerdings gibt es Einschränkungen: Meeresfrüchte können die Strontiumwerte beeinflussen, und chemische Prozesse nach der Bestattung (Diagenese) können die ursprüngliche Zusammensetzung der Knochen verändern.
Stabile Isotope: Kohlenstoff und Stickstoff
Eine weitere Schlüsseltechnik ist die Analyse stabiler Isotope von Kohlenstoff (13C/12C) und Stickstoff (15N/14N) im Knochenkollagen. Verschiedene Pflanzenarten nutzen unterschiedliche Stoffwechselwege (C3 und C4), was sich in ihren Kohlenstoffisotopen widerspiegelt. So hinterlässt Mais (C4-Pflanze) eine andere Signatur als traditionelle Getreide (C3). Die Delta-13C-Werte in menschlichen Knochen zeigen daher, wann und wie viel Mais in die Ernährung einer Population eingeführt wurde.[^publicacion-ulpgc-escaneada-145p]
Stickstoffisotope helfen, zwischen landbasierten und marinen Ernährungsweisen zu unterscheiden, da Meeresprodukte typischerweise deutlich höhere Delta-15N-Werte aufweisen. So lässt sich erkennen, ob eine Küstenbevölkerung hauptsächlich von Fisch und Meeresfrüchten lebte.
Anwendungen und Beispiele
Solche Analysen wurden etwa bei präkolumbianischen Bevölkerungen an der Nordküste Chiles angewandt. Dabei konnten Forscher anhand der Isotopen- und Spurenelementwerte zwischen Seefahrern, Hirten und Siedlern unterscheiden. Die Seefahrer zeigten extrem hohe Delta-15N-Werte – ein Hinweis auf eine fast ausschließlich maritime Ernährung –, während Hirten und Siedler gemischte Werte und damit vielfältigere Ernährungsweisen aufwiesen.[^publicacion-ulpgc-escaneada-145p]
Herausforderungen und Ausblick
Obwohl die chemische Rekonstruktion der Ernährung faszinierende Einblicke in die Vergangenheit ermöglicht, warnen Forscher vor möglichen Verfälschungen durch Diagenese und betonen die Bedeutung der Analyse lokaler Nahrungsmittel. Auf den Kanarischen Inseln versprechen diese Methoden, noch mehr über die Lebensweise und Anpassung der Ureinwohner an die besonderen Bedingungen des Archipels zu enthüllen.[^publicacion-ulpgc-escaneada-145p]
