Der Kanarienvogel in Galdós’ Werk: Symbol und Abwesenheit
Der Kanarienvogel, bekannt für seinen Gesang und sein farbenfrohes Gefieder, ist ein Sinnbild der Kanarischen Inseln. Umso erstaunlicher ist es, dass Benito Pérez Galdós, der berühmteste Schriftsteller der Inseln, diesem Symboltier in seinen Episodios Nacionales kaum Beachtung schenkt. Diese auffällige Zurückhaltung ist selbst ein literarisches Phänomen und sagt viel über Galdós’ Verhältnis zu seiner Heimat und seine bewusste Autorstrategie aus[1].
Eine fast unsichtbare Präsenz
In den 46 Episodios Nacionales zeigt Galdós wenig Interesse an Haustieren, insbesondere am Kanarienvogel. Zwar treten Tiere auf – etwa Ratten als Symbolträger während der Belagerung von Gerona – doch der Kanarienvogel wird nur ein einziges Mal, und das in La Revolución de Julio, erwähnt. Dort dient er in einer wenig poetischen, fast abwertenden Weise als Beispiel für die geringe naturkundliche Bildung, die Frauen im 19. Jahrhundert zugestanden wurde: „Die Mädchen mussten nur so viel Naturkunde wissen, dass sie einen Kanarienvogel von einem Esel unterscheiden konnten“[1].
Warum diese Abwesenheit?
Die Seltenheit der Erwähnungen lässt sich nicht mit Unkenntnis erklären – Zeitgenossen wie Pío Baroja erwähnen den Vogel ganz selbstverständlich. Auch persönliche Abneigung ist auszuschließen, da Galdós Tiere liebte und sogar Hunde aus den Kanaren besaß. Dennoch gab es laut Zeitzeugen „keine Vögel im Madrider Haus, noch Interesse, welche zu halten“, obwohl „im kanarischen Stil gelebt wurde“[1].
Campos Oramas vermutet, Galdós habe den Kanarienvogel bewusst gemieden, vielleicht aus Angst vor Spott oder Stereotypen aufgrund seiner Herkunft. Diese Zurückhaltung spiegelt den Zwiespalt zwischen Heimatstolz und dem Wunsch nach Anerkennung in Madrid wider.
Das abwesende Symbol
Die Abwesenheit des Kanarienvogels in Galdós’ Werk steht im Kontrast zu seiner Präsenz in Volkskultur und Weltliteratur, wo er etwa von Cairasco de Figueroa oder Shakespeare gewürdigt wurde. Bei Galdós ist der Vogel weder Haustier noch Identitätssymbol – ein Anlass, über Selbstinszenierung und die Grenzen autobiografischer Elemente in der Literatur nachzudenken.
So ist der Kanarienvogel in den Episodios Nacionales vor allem durch sein Fehlen bedeutsam. Diese bewusste Auslassung verweist auf die komplexen Fragen von Identität und Selbstbild, die Galdós’ Schreiben durchziehen, und zeigt, wie selbst offensichtliche Symbole in der Literatur zu den flüchtigsten werden können.[1]
