Die Episodios Nacionales von Benito Pérez Galdós sind ein monumentales literarisches Panorama der spanischen Geschichte des 19. Jahrhunderts. Doch wer auf der Suche nach Spuren der Kanarischen Inseln oder ihrer Bewohner ist, wird überrascht: Galdós, selbst gebürtiger Kanarier, erwähnt seine Landsleute nur äußerst sparsam und mit auffallender Zurückhaltung[^algunos-personajes-canarios-en-los-episodios-nacionales].
Diese Zurückhaltung ist kein Zufall. Wie Javier Campos Oramas analysiert, hatte Galdós sich selbst die unausgesprochene Regel auferlegt, auf Hinweise zu den Kanaren, ihren Menschen und ihrer Geografie zu verzichten – es sei denn, es war für die Handlung unumgänglich, etwa bei der Weltumsegelung der Fregatte Numancia oder der Verbannung kanarischer Generäle vor der Revolution von 1868[^algunos-personajes-canarios-en-los-episodios-nacionales]. Warum dieses Schweigen? Campos Oramas vermutet, dass Galdós Angst hatte, persönliche Erinnerungen und Unruhe aus seiner Jugend auf den Inseln wieder aufleben zu lassen, insbesondere solche, die mit familiären und sentimentalen Erlebnissen verbunden waren.
Wenn kanarische Figuren doch auftreten, behandelt Galdós sie mit auffälliger Kürze – im Gegensatz zu der Detailfülle, die er anderen Charakteren widmet. Francisco Monteverde León-Huerta beispielsweise erscheint als diskreter Verschwörer und Freund von General Prim, ohne dass seine militärischen Verdienste oder sein Privatleben näher beleuchtet werden. Auch José Plácido Sansón Grandy, romantischer Dichter und Freund von Galdós, wird eher als Anekdote denn als historisch bedeutende Figur eingeführt[^algunos-personajes-canarios-en-los-episodios-nacionales].
Fernando de León y Castillo, einer der bedeutendsten kanarischen Politiker, wird nur zweimal ausdrücklich erwähnt – Galdós verschweigt sogar seinen Inselursprung. Ähnlich knapp sind die Auftritte von Luis Francisco Benítez de Lugo, Marqués de La Florida, und Antonio Matos Moreno, die meist mit politischen Krisenmomenten verknüpft sind.
Diese Haltung lässt sich als Streben nach literarischer Objektivität deuten, spiegelt aber auch die innere Spannung zwischen Galdós’ kanarischer Identität und seiner Rolle als nationaler Chronist wider. In seinen späten Memorias de un desmemoriado scheint sich Galdós mit seiner Vergangenheit auf den Inseln zu versöhnen und erinnert sich an Freundschaften und Erlebnisse, die er zuvor vermieden hatte[^algunos-personajes-canarios-en-los-episodios-nacionales].
So zeigt die diskrete Präsenz der Kanarier in den Episodios Nacionales nicht nur Galdós’ erzählerische Prioritäten, sondern auch die Komplexität seiner Beziehung zu den Kanaren – einer Heimat, die stets in seiner Erinnerung präsent war, auch wenn sie selten im Mittelpunkt seiner Werke stand.
